Kürzlich ergaben Studien, dass die sozialen Medien ein einseitiges Frauenbild transportieren. Die Schuld sieht unsere Gastautorin Bianca Jankovska vor allem bei den allzu vorsichtigen Werbepartnern.

Rückblickend betrachtet hatte es H. (sie will an dieser Stelle nicht genannt werden) schon ganz lange vermutet. Sie ist Anfang 30, lebt in Berlin und hat keine Scheu, sich öffentlich zu präsentieren. Als meinungsstarke Bloggerin mit Insta-Account und Podcast sucht sie seit einem Jahr geeignete Kooperationspartner und Sponsoren für ihre Formate, um sich finanziell über Wasser zu halten – und wird nur selten fündig. H. produziert und hostet neben gemütlichem Smalltalk auch mal Gespräche mit anderen Feministinnen über die Abschaffung des Paragraphs 219a, sexuelle Übergriffe in der Jugend, das Überwinden der eigenen Unsicherheit und den Boykott von Billigtextilproduzenten.

Es sind Themen, die massenmedial längst in die sogenannte „Mitte der Gesellschaft“ gespült wurden. Eigentlich! Denn während H.s Themen auf Twitter und in Kolumnen seit Jahren selbstverständlich rauf- und runterdiskutiert werden, steht sie damit auf der Influencer- und Marketingplattform Instagram trotz hübschen Fotos und einer stagnierenden 10k-Followerschaft eher alleine da. Etwas scheint H.s Wachstum zu behindern.

Das Schönheitsideal bestimmt den Erfolg

Forscher haben jetzt herausgefunden, warum das so ist: Auf Instagram sind insbesondere jene Frauen erfolgreich, die einem normierten Schönheitsideal entsprechen. Das zeigen die Studienergebnisse des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) beim Bayerischen Rundfunk. Das IZI untersuchte unter anderem 300 Posts von erfolgreichen Influencerinnen auf wiederkehrende Muster hin. „Sie sind dünn, langhaarig und beschäftigen sich hauptsächlich mit den Themen Mode, Ernährung und Beauty“, heißt es. Weibliche Selbstinszenierung finde nur in einem sehr begrenzten Korridor statt.

In der von Schauspielerin Maria Furtwängler und ihrer Tochter Elisabeth in Auftrag gegebenen Studie wird auch eine Youtuberin zitiert. Sie sagt: „Eine starke eigene Meinung schmälert deinen finanziellen Wert.“

Bam. Das ist sie also. Die Aussage, die Frauen wie H. schon öfters vermutet, aber so noch nicht laut ausgesprochen hatten. Aus Angst, vermutlich aber noch mehr aus dem jahrelang vermittelten Vertrauen, dass Frauen doch inzwischen alles erreichen könnten, wenn sie nur wollten.

Die Regeln machen andere

Übersetzt heißt das oft immer noch: wenn sie nach den Regeln anderer spielen. Denn die guten Werbedeals, den Fame, die fetten Sponsoren und Kooperationspartner bekommen in 9,9 von zehn Fällen immer noch die Frauen, die sich schön in altbekannte Geschlechterrollen hineinbewegen, auf ihren Kanälen schminken, stylen, backen und appetitlich Kleiderschränke entrümpeln. Freundlich lächeln, auch wenn es etwas Schwieriges zu erzählen gibt. Langhaarige und schön frisierte Frauen, auf dem Weg in die Ehe; schwangere Frauen, die hauptberuflich irgendwo im Internet geklaute Motivational-Quotes auf Tassen drucken lassen und damit vor allem eines: nicht anecken, in ihren strengkuratierten Scheinwelten, die sich – so scheint es – immer noch am besten an die breite Masse ausspielen lassen. Ausgerechnet in politisch heiklen Zeiten wie diesen verwenden viele Konsumentinnen ihre abends vor dem Schlafengehen verbleibenden Minuten lieber darauf, sich streichelnde Babybäuche, töpfernde Yuppies oder überbelichtete Selfies mit achtsamen Sprüchlein, statt die harte Realität des Nachrichtengeschehens anzusehen.

Wie soll man da nicht wütend werden?

Den Frauen kommt höchstens eine Teilschuld zu. Denn noch immer sind die Möglichkeiten, was man als onlineaffine Frau sein darf, begrenzt. Vor allem, wenn Geld bei rumkommen soll. Umso mehr Meinung, umso mehr harsche Kritik von außen. Umso kontroverser, umso weniger Follower. Denn die wollen nicht ge- oder verstört werden. So brennt sich die Message bei den Betroffenen ein.

Denn Instagram ist als Plattform gar nicht mal so gleichberechtigend, wie es scheint. Frauen können nicht gleichzeitig schön, politisch und lustig sein. Ein Attribut muss genügen. Suche eine Sparte und verharre darin, so lange es geht. Und so kommt es, dass wir mittlerweile auf Instagram reihenweise Kopien von Kopien von Kopien begegnen, die sich auch noch Mitte dreißig das Gesicht ausleuchten und in niedlichen Posen auf oder vor dem Sofa Platz nehmen, um ihre guten Botschaften in die Welt der unbekannten Zuseherinnen zu streuen.

Jetzt könnten Kritiker natürlich meinen: „So funktioniert eben der Markt! Das scheint ja gerade das Frauen-Ideal zu sein, das nachgefragt wird!“ Aber so einfach ist es nicht. Den Konzernen und Geldgebern die Verantwortung abzusprechen, ist nichts weiter als eine Handlungsverweigerung. Denn wer tatsächlich etwas am Repräsentationsmissverhältnis von – überspitzt gesagt – langbeinigen, lollilutschenden und um ihr Leben promotenden Wannabe-Models und ihren ernst dreinschauenden und marx-zitierenden Counterparts ändern will, muss sich als Unternehmer oder Unternehmerin ernsthaft fragen, was er oder sie dazu beiträgt!

An wen werden Deals vergeben? Wer wird gefördert? An Frauen, die die Klappe halten; oder (auch) an Frauen, die sich kritisch äußern? Was ist ein „moderner“ Feminismus wert, wenn er innerhalb des Spätkapitalismus nur jene fördert, die sich an seine weichgewaschenen Slogans halten, ohne Risiken einzugehen?

Leben wir wirklich 2019, oder tun wir nur so?

Wenn wir – wer auch immer das sein soll – wirklich wollen, dass unsere Welt eine progressivere wird, müssen besonders jene, die unter erschwerten Bedingungen dafür kämpfen, dafür finanziell entlohnt werden. Zum Beispiel H.! Und nicht nur die, die wie brave Schäfchen auf die letzten Vorzüge des Wahnsinns, den wir freie Marktwirtschaft nennen, aufspringen, um in pinken Plastikflamingos Fotos für die 250k-Followerschaft zu produzieren.

Selbst, wenn sie bei ihrem netten Urlaubsgruß gesponserte „I am a feminist“-T-Shirts tragen.

Bianca Jankovska


Bianca Jankovskagroschenphilosophin

. Auf

Instagram

diskutiert sie die neuesten Entwicklungen der Social-Media-Bubble und schreibt den Slow-Media-Newsletter #badassbynature für alle, die fernab von generischem Content und Instagram-Esoterik unterhalten werden wollen.

Weiterlesen

By |Februar 11th, 2019|News|